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Nach der Präsentation der Projektidee ist die Unternehmensleitung euphorisch. Das neue Produkt wird den Markt revolutionieren, für jeden investierten Euro 150€ bis 250€ einbringen und den Marktanteil des Unternehmens in diesem Segment auf weit über 50% steigen lassen. Durch die steigende Bekanntheit wird außerdem erwartet, dass sich der Umsatz und der Marktanteil der bestehenden Produktpalette deutlich erhöht – und das Unternehmen sich den Zugang zu ganz neuen Märkten eröffnet.
Direkt am folgenden Tag wird ein Projektteam aufgestellt und beginnt mit der detaillierten Ausarbeitung. Die Ernüchterung folgt schon beim nächsten Projektreport, in dem die Ergebnisse der detaillierten Risikobewertung vorgestellt werden: Wegen der hohen Unsicherheiten ist das Risiko auch nach Maßnahmen fast genauso hoch wie der erwartete Gewinn des neuen Produktes. Nach langen Diskussionen und einer Prüfung der Risikobewertung und der Gewinnerwartung wird das Projekt daraufhin eingestellt.

Was ist passiert?

Auf den ersten Blick ist in dieser Geschichte alles richtig gelaufen: Eine erfolgversprechende Idee wurde vorgestellt, ein Projekt zur Umsetzung initiiert und die Risiken und Chancen analysiert. Mit diesen Informationen wurde das Projekt neu bewertet und aufgrund eines ungünstigen Chancen-Risiken-Verhältnisses eingestellt.
Bei genauerer Betrachtung ist die Bewertung jedoch weniger eindeutig. Für die Entscheidung, das Projekt zu beenden, wurde das Projektrisiko mit dem erwarteten Produktgewinn verglichen. Dabei wurde vernachlässigt, dass die Entwicklung und Einführung des neuen Produktes dem Unternehmen einen Nutzen über den reinen Gewinn hinaus versprachen.
Der Gewinn von Marktanteilen, der Effekt auf bestehende Produkte und das Erschließen neuer Märkte wurde bei der Entscheidung nicht berücksichtigt. Da sich alle diese Faktoren positiv auf das Unternehmensergebnis ausgewirkt hätten, können wir davon ausgehen, dass es die falsche Entscheidung war, das Projekt zu stoppen – selbst wenn die Risiken deutlich höher sind, als am Projektstart erwartet.

Wie geht es besser?

In vielen Unternehmen herrscht auch heute noch Silo-Denken vor. Diese Mentalität begünstigt Situationen, wie die im Beispiel dargestellte: Informationen werden nur innerhalb des eigenen Bereichs analysiert und bewertet. Entscheidungen, die in so einem Umfeld getroffen werden, sind daher meist auf die Bedürfnisse eines Teils der Organisation abgestimmt und stellen selten das Optimum für das gesamte Unternehmen dar.
Um dieses Problem zu vermeiden, ist es notwendig, aus diesem Tunnelblick auszubrechen. Ein Ansatz, wie das gelingen kann, ist ein Szenarien-Vergleich (siehe auch „Vier Anforderungen an die Szenario-Planung“ https://rno-consulting.com/vier-anforderungen-an-die-szenario-planung/). Für dieses Vorgehen bietet sich ein Ansatz mit drei Szenarien an, wobei es wichtig ist, die Szenarien aus der Perspektive des Unternehmens aufzustellen.

Referenzszenario

Das Referenzszenario beschreibt die Entwicklung des Unternehmens unter der Annahme, dass das betrachtete Projekt nicht durchgeführt wird. Es entspricht somit dem Status vor Einbringung der Projektidee. In Unternehmen, die mit Szenarien in der strategischen Planung arbeiten, sollte dieses Szenario bereits definiert sein, so dass es nicht extra erstellt werden muss.

Nominalszenario

Das Nominalszenario gibt die erwartete Entwicklung des Unternehmens bei Durchführung des Projekts wieder. Normalerweise ist eine solche Beschreibung Teil der Projektskizze und kann aus dieser übernommen werden. Der nominelle Mehrwert des Projekts lässt sich dabei aus der Differenz zwischen Referenzszenario und Nominalszenario ablesen.

Risikoszenario

Das Risikoszenario speist sich aus dem Nominalszenario und den fortlaufend aktualisierten Risikobewertungen aus dem Projekt. Dieses Szenario spiegelt die nach aktuellem Wissensstand erwartete Entwicklung unter Berücksichtigung aller identifizierter Risiken und Chancen wider.
Die Vorteile dieses Vorgehens liegen auf der Hand. Durch die Einbettung der Risikoinformationen in ein Szenario auf Unternehmensebene werden alle Effekte auf das Unternehmen in die Bewertung mit einbezogen – nicht nur die projektinternen Auswirkungen. Der Vergleich zwischen Referenzszenario und Risikoszenario zeigt kontinuierlich, welchen Mehrwert das Projekt dem Unternehmen bietet. Außerdem lässt sich aus dem Unterschied zwischen Nominalszenario und Risikoszenario ablesen, wie weit sich das Projekt von der ursprünglichen Idee wegentwickelt.
Die drei beschriebenen Vorzüge helfen, Situationen wie die im einleitenden Beispiel zu verhindern. Damit leistet es einen wertvollen Beitrag zu erfolgreichem Risikomanagement und letztlich zur Absicherung des Unternehmenserfolgs.

 

Strategische Entscheidungen in einem unsicheren, sich stetig ändernden Umfeld zu treffen, ist herausfordernd: zum einen, weil sich die Veränderungen, denen sich ein Unternehmen ausgesetzt sieht, in der Regel nicht voraussagen lassen, zum anderen, weil es in den meisten Entscheidungsprozessen systematische Schwachstellen gibt.

Szenario-Planung zur Verbesserung von Entscheidungsprozessen

Nach Kees van der Heijden sorgen mehrere Mechanismen dafür, dass strategische Entscheidungsprozesse systematisch auf eine Lähmung zulaufen. In seinen Studien identifiziert er dabei sieben solcher Mechanismen, die einzeln oder in Kombination zu strategischer Lähmung von Unternehmen führen können:

  • eingefahrene Denkmuster
  • unterschiedliche, nicht abgeglichene Wahrnehmung
  • voreingenommene Informationsverarbeitung
  • persönliche Befangenheit
  • Risikoaversion
  • Selbstüberschätzung
  • Fehleinschätzung der Genauigkeit eigener Prognosen

Gerade wenn sich die Rahmenbedingungen eines Unternehmens starken Veränderungen ausgesetzt sehen, können diese Mechanismen Entscheidungsprozesse leicht negativ beeinflussen. Die Folge sind strategische Fehlentscheidungen und letztlich wirtschaftlicher Misserfolg.

Ein Ansatz, diese Fallstricke zu umgehen, ist die Szenario-Planung. Bei der Szenario-Planung werden mögliche Entwicklungspfade für zukünftige Entwicklungen erarbeitet. In dem Prozess, an dem in der Regel mehrere Personen beteiligt und Daten aus unterschiedlichen Quellen verarbeitet werden, werden die von van der Heijden genannten Mechanismen umgangen. Dadurch lassen sich nachhaltig bessere strategische Entscheidungen treffen und sich ändernde Rahmenbedingungen bei der Strategieumsetzung schneller berücksichtigen.

Anforderungen an Szenarien

Damit Szenario-Planung diesen positiven Effekt auf Entscheidungsprozesse entfalten kann, müssen die entwickelten Szenarien folgende Bedingungen erfüllen:

Relevant

Der von den Szenarien abgedeckte Entwicklungsrahmen muss für die Entscheidungen relevant sein. Das bedeutet, das alle Faktoren, die einen Einfluss auf die Entscheidungen und deren Wirksamkeit haben, in die Szenario-Planung mit einbezogen werden müssen.

Ähnliches gilt für den abgebildeten Zeithorizont: Er sollte die Reichweite der Entscheidungen und ihrer Auswirkungen ganz abdecken, um eine umfassende Bewertung zu ermöglichen. Gehen die Szenarien jedoch deutlich über diesen Zeitpunkt hinaus, lenken sie unter Umständen von wesentlichen Faktoren ab.

Umfassend

Neben der Relevanz ist es wichtig, dass die Szenarien umfassend sind. Umfassend heißt in diesem Zusammenhang, dass nicht nur unsichere Faktoren, sondern auch sichere Faktoren berücksichtigt werden. Unsichere Faktoren, bei denen die zukünftige Entwicklung nicht abgesehen werden kann, bilden dabei die Basis für das Aufspannen eines aussagekräftigen Entwicklungsraumes. Die Berücksichtigung sicherer Faktoren, deren Entwicklung gut prognostiziert werden kann, sorgt bei der Szenario-Planung dafür, dass die Szenarien realistisch bleiben.

Aussagekräftig und realistisch

Die im Rahmen der Szenario-Planung erstellten Szenarien sollten aussagekräftig sein. Das bedeutet, dass sie einen möglichst weiten Entwicklungsraum abdecken sollten. Ob diese Anforderung über zwei, drei oder mehr Szenarien erfüllt wird, hängt dabei vom spezifischen Anwendungsfall ab.

Gleichzeitig sollten die Szenarien realistisch bleiben, also sich im Rahmen der Prognosen bewegen. Dieser Rahmen sollte dabei, wo immer möglich, über verfügbare Daten und Studien plausibilisiert werden.

Geschlossen

Jedes Szenario, das im Rahmen einer Szenario-Planung erstellt wird, sollte in sich geschlossen sein. Szenarien sind keine Vorhersagen der Zukunft, sondern beschreiben einen möglichen Entwicklungspfad. Ein solcher Pfad hat einen klaren Anfang, in der Regel die Gegenwart, und einen definierten Endpunkt, das Ende des zu betrachtenden Zeithorizontes. Zwischen diesen beiden Eckpunkten wird eine Entwicklung beschrieben, die vom Start- zum Zielpunkt führt.

Wenn diese vier Anforderungen an die Szenario-Planung erfüllt sind, dann sind Szenarien ein starkes Werkzeug, die beschriebenen Schwachstellen in Entscheidungsprozessen zu umgehen.